„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“

Das Projekt "Stolpersteine" – Studierende auf den Spuren historischer Lokalgeschichte

 

Ein Projektbericht von Danjana Schröder
(hier auch als PDF zum Herunterladen)

Akten.jpgEs begann mit zwei Namen: Sally Blank und Josef Meyer. Gesucht wurde: ihre Geschichte. Was sich dazu würde finden lassen, war zu Beginn der Suche völlig unklar. Was sich fand, lässt sich sehen!

Im März dieses Jahres regte Joseph Oeding an, gemeinsam mit Studierenden am „Projekt Stolpersteine“ teilzunehmen, einem Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Juden und anderer Minderheiten im Nationalsozialismus lebendig erhält. Um der Opfer zu gedenken, verweist ein kleiner, mit einer Messingplakette versehener Stein vor dem letzten freiwilligen Wohnort der Ermordeten auf ihre Namen, ihre Geburts- und Sterbetage, vor allem darauf, dass es sie gegeben hat, besonders mit dem Gedanken daran, dass hinter den Namen immer auch ein Leben steht.

Auch in der historischen Geschichte Bielefelds finden sich Verfolgung und Ausgrenzung von Juden und Minderheiten. Deportationen fanden hier zwischen 1941 und 1945 nach Riga, Warschau, Auschwitz und Theresienstadt statt. Und so fand das Projekt auch durch seinen lokalen Bezug Anklang bei mehreren Studierenden aus dem Morgen- und Abendbereich des 5. Semesters, die Interesse daran hatten, sich mit den Menschen zu beschäftigen, die Teil dieser Bielefelder Geschichte sind und dessen Leben es zu erforschen galt. Wer waren diese Menschen? Wie lebten sie? Und vor allem: Wie erlebten sie die Zeit unter der nationalsozialistischen Herrschaft?

Gruppe.jpgZwei Namenskarten und ein Treffen im Stadtarchiv Bielefeld boten den Anfang. Nicht viel, doch das sollte sich bald ändern. Auf der Suche nach Informationen über die jüdischen Familien Meyer und Blank wälzten die Studierenden Adress- und Hausbücher, Anträge, Akten, Bücher und Internet­seiten und erhielten so einen Einblick in die tägliche Arbeit von Historikern. Dabei scheuten sie keine Mühen, und verfolgten durch regen E‑Mail-Verkehr mit Archiven Spuren in ganz Deutsch­land und sogar bis ins Ausland, um die Geschichte und den Verbleib der Familien und ihrer Angehörigen zu erfahren. Die Ergebnisse waren jedoch nicht immer ermunternd. Viele Archive dokumentieren erst seit 1945 und lieferten dadurch keine neuen Hinweise.

„Es ist schon etwas demotivierend, immer die gleiche Antwort zu bekommen“, sagte eine Studierende zwischendurch, die mit weiteren Studierenden zur Familie Meyer forschte. An dieser Stelle wurde auch den Studierenden deutlich, wie schwierig historische Recherche sein kann, wie viele Wege und damit verbundene Hoffnungen sich als Sackgassen erweisen. Doch wie alle machte sie weiter.

Mehr Glück hatte da die Forschungsgruppe der Familie Blank. Sie konnte als Ausgangspunkt eine Internetseite nutzen, auf der David Blank, ein Nachfahre der Familie, seine Ergebnisse zur Familienforschung2 zugänglich macht. Historische Dokumente wie Geburts­bescheinigungen, Heiratsurkunden oder Testamente gaben konkrete Anhaltspunkte für die weitere Forschung. Allerdings mussten auch hier Schwierigkeiten gelöst werden: Mehrere unterschiedliche Geburtsdaten für Salli Blank, den Vater der Familie, tauchten auf und stellten die Studierenden zunächst vor ein Rätsel. Doch die Ausweitung der Recherche und der Rat von Experten führten sie zur Lösung.
(Hier der Lebenslauf der Tochter Hildegard Blank zum Herunterladen)

Einsicht.jpgDurch die intensiven und gewissenhaften Nach­forschungen hatten sich die notwendigen Daten für die Verlegung der Stolpersteine zeitlich recht früh bestimmen lassen: Geburts- und Sterbedaten standen fest, der letzte freiwillige Wohnort beider Familien war aufgespürt: Die Falkstraße 17 in Bielefeld. Besitzer des Hauses war seit 1938 die Familie Blank. Etwas später, als das Haus von den Nationalsozialisten in ein Judenhaus umgewandelt wurde, zog auch die Familie Meyer dort ein.

Doch hier war die historische Arbeit nicht zu Ende, die Motivation der Studierenden noch nicht erschöpft. Geforscht wurde weiter in alle Richtungen. Fotos wurden entdeckt, die das Leben der Familie Blank vor ihrem Umzug nach Bielefeld in Horn zeigen, ihr Haus und den kleinen Kaufmannsladen. Bilder von Besuchen beim Sohn Fritz in der Schweiz, Informationen über Kinder­geburtstage, aber auch eine Postkarte der Tochter Hilde aus Theresienstadt an den Bruder. Hier starben ihre Eltern und von hier wurde Hilde weiter nach Auschwitz deportiert, wo auch sie den Tod fand. Es zeichnete sich ein immer klarer werdendes Bild der Familie ab.

 

Nicht aus Horn, sondern aus dem Ruhrgebiet kamen Josef und Berta Meyer nach Bielefeld. Die Söhne Fritz und Karl wanderten nach England aus und retteten sich damit vor dem Schicksal ihrer Eltern, in Theresienstadt umzukommen. Die Tochter Lotte begann eine Ausbildung bei Alsberg in Bielefeld, das spätere Wäschehaus Opitz. Nach einem halben Jahr musste sie diese, vermutlich im Zuge der Arisierung, abbrechen, und ging nach Köln, um dort in einem jüdischen Waisenhaus zu arbeiten. Heute lebt sie in Israel unter dem Namen Judith Benari. Einsicht in die Wiedergutmachungsakten brachten Informationen über die finanzielle Situation der Familie zur Zeit der Nationalsozialisten. Ihren kleinen Kolonialwarenladen mussten sie schließen, doch konnten sie in den Jahre von 1939 bis 1942 von ihren Ersparnissen leben. Gewisse Wiedergutmachungsforderungen für das erlebte Leid wurden den Nachfahren später ausgezahlt.

(Hier das Ergebnis der Suche zur Familie Meyer zum Herunterladen, ein Datenblatt sowie eine Quellenliste)

All diese Ergebnisse tauschten die Studierenden bei regelmäßigen Treffen im Stadtarchiv aus, berichteten sich von den neu entdeckten Wegen, aber auch von den erlebten Fehlschlägen, die sich nicht vermeiden ließen.

 

Am 12.06. fand dann die erste Stolpersteinverlegung in einer bewegenden Zeremonie statt. Gedacht wurde an diesem Tag Josef und Berta Meyer. Studierende und Lehrer lauschten Mozart auf der Klarinette und einer Gedenkrede für die Opfer, Blumen wurden niedergelegt und der Künstler Gunter Demnig, Initiator des Projekts, verlegte eigens die Steine auf dem Bürgersteig vor der Hausnummer 17.

Die Steine für die Familie Blank werden im November dieses Jahres neben denen der Familie Meyer verlegt. Besonders erfreuend dabei: David Blank, der Nachkomme der Familie aus Israel, wird an der Verlegung teilnehmen. Ein besonderes Geschenk für die Studierenden, die ihren Forschungen mit großer Schaffenslust, Mühe und Motivation nachgegangen sind.

Ein besonderes Ereignis begab sich noch nach der Verlegung. Der neue Besitzer des Hauses in der Falkstraße verwies auf alte Hausumrisse und Fotos, auf die sich ein Blick lohnen könnte. So fand sich auch hier wieder eine neue Spur und die Geschichte der Familien geht weiter.

Doch bleiben auch ein paar Fragen offen, z. B. warum die Familie Blank nicht wie ihr Sohn in die Schweiz auswanderte oder was aus den Kindern der Meyers wurde? Aber auch das ist nun mal Geschichte.


Teilnehmer: 
  
Gruppe Blank: Ninja Martin   Luise Neufeld   Roza Tomar
 
Gruppe Meyer: Beytullah Sever   Maren Hirschfeld   Sarah Hülsewig


Betreuende Lehrer:

Matthias Bolz, Danjana Schröder, Joseph Oeding

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