Vierzig.jpg Die Festschrift: Ehemalige

Frigga Tiletschke

Historikerin und DaF-Lehrerin

 

Das Abendgymnasium und die Folgen: über Risiken und Nebenwirkungen

 

Als ich 1982 am Abendgymnasium begann, war es für mich der zweite Versuch nach dem vorzeitigen Verlassen des Gymnasiums als Jugendliche. Nach Ausbildung und Erarbeitung einer beruflichen Position stellen sich unweigerlich die Fragen: Wird man den Anschluss wieder schaffen? Hat man alles vergessen? Was hat sich verändert im Schulbetrieb im Laufe der Jahre? Ist man schon zu alt für die Schulbank? Bekommt man vielleicht Probleme mit dem Arbeitgeber? Kann man es finanzieren? Was macht man mit dem Abitur? Und vor allem, wie bekommt man Beruf und Schule unter einen Hut? Fragen über Fragen standen am Anfang und über allem die Frage meiner Mutter: "Kind, warum willst du dir das antun?"

Ich wollte mir das antun, im Hintergrund der Ehrgeiz, es diesmal aber zu schaffen. Aller guten Dinge sind schließlich zwei, oder?
Im Rückblick war es die beste Entscheidung meines Lebens.

Drei Jahre vollgepackt mit Leben und Lernen, Lernen und Leben. Lernen in der Arbeitspause. Lernen im Auto auf der Fahrt vom Büro zum AG. Knapp die Zeit vom Arbeitsschluss bis Schulbeginn. Und nahtlos weiter: vom Bürostuhl auf die Schulbank, vom Computer (hieß damals noch EDV) zum Collegeblock, von der Büroarbeit zu Mathe, Bio, Englisch und Deutsch. Die Kantine, in der man oft die erste warme Mahlzeit des Tages bekam.

Die "Nachteulen" mit Didi Seidensticker. "Antigone" von Anouilh mit unserem großen Auftritt in der Oetkerhalle. Und natürlich das "Nachsitzen" im Tinneff oder Karl’s Kneipe mit Diskussionen ohne Ende. Die Abi-Fahrt nach Prag mit Dr. Angermann.
Und ganz zum Schluss 1985 die Überreichung der harterarbeiten Abiturzeugnisse in der Eingangshalle (mangels Aula). Das alles sind Erinnerungen, die für immer bleiben, auch wenn sich die Schüler von damals längst aus den Augen verloren haben.

Was ist daraus geworden bei mir? Für die Wahl meiner Studienfächer Geschichte, Philosophie und Englisch war das Abendgymnasium verantwortlich: das Verlassen des Lebensweges einer Sekretärin und der Eintritt in die Welt der Geisteswissenschaft. 1992 dann der Magister in Geschichte. Nach dem Studium eine mehrjährige Projektarbeit für das Historische Museum und dann die erste große Ausstellung 1995, daneben freie journalistische Tätigkeit und immer wieder historische Forschung, Ausstellungen und Publikationen.

Anfang 2000 ein Aufbaustudium für Geisteswissenschaftler in Bielefeld und Kassel in DaF: Deutsch als Fremdsprache. Und heute stehe ich auf der anderen Seite der Lernfront von damals – vor den Schülern an der Tafel – und unterrichte Deutsch für Migranten. Daneben arbeite ich an meiner Dissertation über die Bethel-Mission, denn am Abendgymnasium habe ich mit Haut und Haar erfahren: Leben ist Lernen und Lernen ist Leben. Ein Zustand, der nicht nur Arbeit, sondern vor allem sehr viel Freude macht.

Ich wünsche dem 40 Jahre jungen Abendgymnasium, also in der Blüte seiner Jahre, noch viele weitere erfolgreiche Jahre und vor allem viele lernbegeisterte Menschen jeden Alters, die ihre Chancen hier verwirklichen können. Wie heißt es doch so schön: "Es ist nie zu spät, packen wir’s an!"

Vierzig.jpg

 
Bielefeld Detmold Löhne Gütersloh