Vierzig.jpg Die Festschrift: Ehemalige

Jürgen Büschenfeld

Historiker an der Uni Bielefeld

 

Von Wegen und Umwegen

 

10. Juni 1980, das Abiturzeugnis in der Hand. Datum und Papier markieren einen entscheidenden Neustart. Im Alter von 25 Jahren konnten die Karten der beruflichen Orientierung noch einmal neu gemischt werden.

Studium? Auf jeden Fall! Aber welche Fächer? Es gab einige Vorlieben und wenige Berührungsängste. Breite Interessen – große Neugier. Was sollte schon schiefgehen?

Das Abendgymnasium hat viele Türen einen Spalt weit geöffnet. Nun ging es darum, auch hindurchzugehen, sich auf der anderen Seite umzusehen, Neuland zu entdecken. Was also machen?
Nicht die Gedanken an Sicherheit, die schon einmal den Ausschlag gegeben hatten, sondern Neigung und Interesse sollten das Geschehen bestimmen. Eine Gewissheit: ein Lehramtsstudium sollte es nicht sein.

Die fachwissenschaftlichen Studienrichtungen in Biologie und Geschichte standen nun im Vordergrund: Zoologie und Botanik, Evolution und Ökologie, neue Perspektiven auf Themen aus Antike, Mittelalter und Neuzeit formten einen ganz neuen Kosmos, der dem "Jungstudenten" nicht selten die Grenzen aufzeigte. Aldosen, Mannosen, Ketosen etc. etc. gehören zum chemischen Rüstzeug für ein erfolgreiches Biologiestudium. Viele Grundlagen fehlten. Der Chemieanteil des Studiums schien nicht nur, sondern war definitiv unerreichbar. Von nun an wurde die Geschichtswissenschaft ganz zentral, aber die Biologie blieb als Nebenfach.

Ein großer Zufall? Oder sollte es so sein? Seminare in der Wissenschaftsgeschichte zeigten neue Wege auf, verhießen neue Fragestellungen zur Umweltgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, verbanden Geschichte und Biologie. Wie gingen die Menschen in früheren Zeiten mit natürlichen Ressourcen wie Wasser, Boden und Luft um? Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse besaßen sie? Wie nahmen sie Schmutz und die daraus resultierenden Krankheiten wahr? Kann man ihnen ein Umweltbewusstsein attestieren, obwohl ein moderner Umweltbegriff noch nicht existierte? Solche Fragen machen bis heute einen großen Teil des eigenen wissenschaftlichen Interesses aus.

Aber: ein guter Magisterabschluss trug keine Früchte. Eine Stelle war nicht in Sicht. "Ach, Sie sind Historiker, das ist ja interessant, was macht man denn so mit Geschichte?", signalisierte sogar ein Mitarbeiter des Arbeitsamts ein hohes Maß an Ahnungslosigkeit.
Der Strohhalm: eine befristete Stelle in der Erwachsenenbildung, aber eher im alten Verwaltungsberuf. Neue Kompetenzen lagen brach. Frust! Währenddessen: Recherchen für ein Forschungsprojekt in der Umweltgeschichte; große Unterstützung durch den Professor, der die Magisterarbeit betreut hat. Es entstand ein Antrag zur Finanzierung eines Forschungsprojekts. Erfolg! Eine große Stiftung der Wissenschaftsförderung stellte Geldmittel für zweieinhalb Jahre bereit. Nun kam ein intensives Eintauchen in die Forschung mit jahrelangen gedanklichen Dienstreisen in die Umweltgeschichte, sehr zum Leidwesen von Angehörigen, Freunden und Freundin.

Zwischendurch: erste freiberufliche Aufträge für Museen und Verlage. – Und ganz neue handfeste Erkenntnisse: man kann ja mit Geschichte Geld verdienen! Schließlich: große Freude! Die Promotion war erreicht!

Was nun? Bewerbungen, Bewerbungen und immer wieder Bewerbungen. Die Bewerbungsschreiben füllen zwei dicke Ordner. Die Museumsarbeit war ein großer Traum. Aber: keine Chance! Statt dessen: kleine Jobs, befristete kurze Forschungsstellen. Nach Abschluss eines weiteren größeren Forschungsprojekts über mehrere Jahre war eine Perspektive auf Dauer noch immer nicht in Sicht. Mit einer Weiterbildung zum Wissenschaftsredakteur reifte die Idee, es komplett in der Freiberuflichkeit zu versuchen.

Die große Unterstützung eines Bielefelder Freundes verhalf zu ersten Aufträgen. Schließlich lief es immer besser! Nach und nach gab es grünes Licht für mehrere größere Projekte. Dann gesellte sich der Zufall dazu.

Eine Anfrage aus der Uni offerierte Lehraufträge zur Berufsorientierung für Historiker. Wieder eine befristete Stelle und schließlich seit 2010: wissenschaftlicher Mitarbeiter auf einer "unbefristeten" Stelle an der Uni. Nebenbei bemerkt entbehrt die derzeitige Situation nicht einer gewissen Komik, denn in gut acht Jahren droht das Rentenalter!
Ja, das Rentenalter droht, denn die Arbeit, vor allem die Dozententätigkeit, macht großen Spaß. Erstaunlich eigentlich, denn ein Lehramt war ja gerade nicht das vorrangige Ziel.

Womit können Historiker ihr Geld verdienen? Die Frage, die das eigene Denken über viele Jahre bestimmt hat, wurde zur beruflichen Leitfrage, die im Rahmen von Seminaren, Praxisveranstaltungen und Kooperationen immer wieder aufs Neue gestellt und diskutiert wird. Daneben Veranstaltungen zur Umweltgeschichte, zu Fragen der Geschichtsvermittlung in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und wieder kleinere Veröffentlichungen zur Umweltgeschichte. Neue Buchprojekte als Autor und Herausgeber stehen ins Haus, Rezensionen wollen geschrieben, BA- und MA-Arbeiten betreut und bewertet sein. Es gibt sicher keine Normalarbeitstage mit immer geregelten Feierabenden oder Wochenenden. Dafür gibt es aber die Freiheit der eigenen Entscheidung. Wie soll ein Seminar angelegt sein, welche Fachbücher und Aufsätze sind zu lesen, mit welchen Schwerpunkten sollten sich die Studierenden beschäftigen? Es haben sich berufliche Freiheiten ergeben, für die das Abendgymnasium der erste Schlüssel war.

Das Abendgymnasium von 1980 hat gut auf die Universität vorbereitet. Warum? Die Schule hat das Abitur nicht verschenkt, sie hat trotz der besonderen Situation für berufstätige Studierende auf Standards beharrt, um vor dem Scheitern an der Uni zu bewahren und um die Studierenden vor Illusionen zu schützen. Dies scheint der einzig richtige Weg zu sein, von dem man sich wünscht, dass er auch 2013 und in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gegangen wird. Ganz persönlich gaben die Fächer Deutsch und Geschichte ein gutes Rüstzeug. Sogar dem Mathelehrer gelang es, die mathematische Null weiterzuentwickeln. Lehrerinnen und Lehrer unterrichteten nicht nur ihre Fächer, viele vermittelten – so ganz nebenbei – das Wesentliche: Spaß am Lernen.

Zugegeben, auf einer langen Strecke der beruflichen Umwege, des mühsamen Hin und Her, des erzwungenen Zick-Zack-Kurses und der Sackgassen tauchte gelegentlich die Frage auf, ob es in den alten beruflichen Zusammenhängen nicht auch etwas entspannter hätte gehen können. Aber gleichzeitig gab es die Gewissheit, dass es ohne den Sprung ins kalte Wasser sehr, sehr viele positive Erfahrungen mit Menschen, Themen und Projekten nicht gegeben hätte. Beim Abwägen zwischen beruflicher Sicherheit und beruflichen Neigungen haben die Neigungen klar gewonnen.

Herzlichen Glückwunsch Abendgymnasium! Alle guten Wünsche für eine erfolgreiche Zukunft!

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