Vierzig.jpg Die Festschrift: Ehemalige

Gabriele Becker-Uthmann

Rechtsanwältin

 

Es ist nun schon 34 Jahre her, jedoch kann ich mich noch genau an den Tag erinnern, an dem ich mich am Abendgymnasium anmeldete. Ich war ausgebildete Einzelhandelskauffrau und arbeitete in der Verwaltung einer Bekleidungsfabrik.
Damals war ich 22 Jahre alt, saß in einem Großraumbüro an meinem Schreibtisch und dachte daran, dass ich diese Arbeiten noch bis mindestens zu meinem 60. Lebensjahr machen müsste. Mir wurde schlagartig klar, dass ich das nicht wollte. Ich drehte mich um und fragte meine Kolleginnen, ob sie wissen würden, wie man sein Abitur nachmachen könne.
Eine meiner Kolleginnen hatte eine Freundin, die das Abendgymnasium in Bielefeld besuchte und erzählte mir dies. Sofort suchte ich die Nummer vom Abendgymnasium heraus und rief dort an, um mich zu erkundigen, unter welchen Voraussetzungen man sich dort anmelden könne.

Schon als 12-jähriges Mädchen hatte ich im Fernsehen immer die Sendung "Das Fernsehgericht tagt" verfolgt. Ich wollte Jura studieren. Dies erschien mir zunächst außerhalb meiner Möglichkeiten, jedoch brachte mich die Erkenntnis, dass ich nicht mein ganzes Leben lang in der Verwaltung eines Unternehmens arbeiten wollte, dazu, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen.
Ich weiß noch, wie ich am ersten Abend in die Klasse kam und dort die verschiedensten Männer und Frauen sitzen sah, die mit mir versuchen wollten, trotz Berufstätigkeit das Abitur nachzuholen. Damals waren auch – jedenfalls für mich – ältere Damen dabei, die noch das Abitur machen wollten. Sie waren so um die 40 Jahre alt, waren alle verheiratet und wollten noch aus den verschiedensten Gründen ihr Abi nachholen. Leider haben von diesen – ich glaube, es waren damals fünf – Frauen nur zwei das Abitur gemacht. Viele erhielten nicht die nötige Unterstützung, um diese drei Jahre durchzuhalten.
Auch für mich war es so, dass ich zunächst dachte, den Stoff nicht bewältigen zu können. Ich weiß noch in der ersten Stunde Französisch verteilte unsere Französischlehrerin Ute Wörmann einen Zettel mit einem Comic. Dieser Comic war sicherlich sehr lustig und sie hatte bestimmt die besten Absichten, den Unterricht zu Anfang etwas lockerer zu gestalten. Jedoch war der Text derartig schwierig – er enthielt bereits die Vergangenheitsform –, dass ich kaum etwas verstehen konnte. Ich dachte bei mir nur: „Oh Gott! Das wirst du niemals schaffen!“ Bei einem Blick in die Runde sah ich jedoch, dass es meinen Mitschülern und Mitschülerinnen offenbar nicht anders ging. Einige trauten sich zaghaft, Frau Wörmann zu sagen, dass der Text wohl etwas schwierig sei. Frau Wörmann fiel aus allen Wolken und meinte nur, dass sie das nicht beabsichtigt habe. In der Folgezeit stellte sie sich dann darauf ein, dass ihre Schüler und Schülerinnen offenbar Anfänger im Französischen waren.

Mit uns fing auch unser Klassenlehrer in unserer Schule an. Es war Michael Reckers, bei dem wir Geschichte und Deutsch hatten. Ich kann mich heute noch daran erinnern, dass wir gefühlt ungefähr 100% der Geschichtsstunden über die Französische Revolution geredet haben. Dieses ist sicherlich tatsächlich nicht richtig, jedoch war es so, dass wir so viel darüber, dass ich mich nur noch rudimentär an den anderen Stoff im Geschichtsunterricht erinnern kann.

Durch die außergewöhnliche Situation, dass wir alle berufstätig waren und abends zur Schule gingen, war es in der Klasse schnell so, dass sich alle solidarisch fühlten. Wir unterstützten uns gegenseitig darin, den Stoff zu bewältigen und anstehende Fragen zu klären. Nach und nach kamen wir auch privat öfter zusammen. So war es häufig so, dass wir nach dem Unterricht noch auf die andere Straßenseite gingen und dort in dem kleinen Lokal am Oetkerpark noch etwas zusammen tranken und uns unterhielten.
Es war eine lockere und lustige Atmosphäre und wir hatten viel Spaß zusammen. Auch samstags trafen wir uns öfter und aßen zusammen, spielten Karten oder gingen aus. Noch heute treffen wir uns regelmäßig alle fünf Jahre zu einer Abiturfeier im privaten Rahmen.

Alles in allem war es eine tolle Zeit. Ich denke heute noch gerne an die vielen schönen Abende am Abendgymnasium zurück und würde jedem, der sich noch weiter qualifizieren will, den Gang zum Abendgymnasium empfehlen.
Heute arbeite ich schon seit zwei Jahrzehnten als Rechtsanwältin und muss sagen, dass ich mich damals vor 34 Jahren genau richtig entschieden habe. Von Anfang an spezialisierte ich mich auf das Urheber- und Markenrecht. Kurze Zeit später kam noch das Recht der Neuen Medien und der gewerbliche Rechtsschutz hinzu.
Ich berate Künstler und Werkschaffende rund um das Urheberrecht, wenn ihr eigenes Urheberrecht verletzt wurde oder wenn sie sich entsprechenden Ansprüchen anderer gegenübersehen. Im Recht der Neuen Medien betreue ich sehr viele Menschen, die sich Abmahnungen gegenübersehen, in denen ihnen vorgeworfen wird, dass über ihren Internetanschluss illegale Downloads geschehen sind.

Mit dem Jurastudium, während dessen auch meine beiden Töchter zur Welt kamen, habe ich meinen Lebenstraum verwirklicht.

Ich wünsche dem Abendgymnasium zu seinem Jubiläum alles Gute und hoffe, dass dort noch sehr viele Frauen und Männer erfolgreich ihr Abitur bestehen.

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