Vierzig.jpg Die Festschrift: Grußworte

Joachim Klenner

Schulleiter 1998–2004

 

„ ... warum wollen Sie erwachsene Menschen noch einmal in die Schulbank zwingen?“

 

Mit dieser Frage konfrontierte mich am 22. Dezember 1976 das Ratsmitglied der CDU, Dr. Gerhard Rödding, als ich mich anlässlich meiner Bewerbung um die Stelle eines Oberstufenkoordinators am Abendgymnasium Bielefeld im Schulausschuss vorstellen durfte. Meine Antwort erinnere ich nicht mehr im Detail, ich weiß nur, dass ich die Vorstellung, die in dieser Frage enthalten war, schon als provokativ empfand, war doch Dr. Rödding nicht irgendwer: Er war als Landeskirchenrat der Schuldezernent der Evangelischen Kirche von Westfalen. Und ich dachte: Er sollte es besser wissen.
Für mich selbst war die gesellschaftspolitische Bedeutung der Abendgymnasien eine Selbstverständlichkeit, sie waren nicht nur "Reparaturbetriebe" in der Nachkriegszeit, deren Weiterexistenz in Frage stand, wenn der "Mangel" behoben war. Diese Vorstellung war jedoch noch am Anfang der 1970er Jahre offenbar weit verbreitet, denn der Gründungsschulleiter des Abendgymnasiums Bielefeld, OStD Jürgen Bursian, erzählte immer gern, dass ihn Oberbürgermeister Hinnendahl auf der Herrentoilette angesprochen und gesagt habe, er hoffe, dass das frisch gegründete Abendgymnasium Bielefeld nicht mangels Masse bald wieder geschlossen werden müsse.

Es war ja wahr, die zwischen 1946 und 1959 gegründeten Abendgymnasien – vorwiegend in den großen Städten der Rhein-Ruhr-Schiene – dienten dazu, die durch Kriegsdienst, Flucht und Vertreibung unterbrochenen oder verhinderten gymnasialen Abschlüsse nachzuholen, ohne die Berufstätigkeit zu unterbrechen. In diese Kategorie gehörte selbst das Erzbischöfliche Abendgymnasium in Neuss, das in erster Linie zum Ziel hatte, den Mangel an Priesteramtskandidaten zu lindern. Die Anmeldezahlen zu diesen Abendgymnasien waren hoch. Diese Tatsache zeigte, dass es sich nicht nur um ein individuelles Problem handelte. Die Möglichkeit, auf diesem Wege das Abitur nachzuholen, befriedigte offensichtlich nicht nur einen individuellen Wunsch, vielmehr war sie eine gesellschaftliche Notwendigkeit, denn sie diente der Integration breiter Bevölkerungsschichten in den neuen, demokratischen Staat. Der überwiegende Teil dieser Interessenten waren Männer. Vielleicht stimmte es ja, dass diese Interessenten den erneuten Schulbesuch mehr als Zwang denn als Chance verstanden haben.

In den 1970er Jahren gab es eine neue Gründungswelle von Abendgymnasien: Die Abendgymnasien gingen "in die Fläche", und Bielefeld gehörte dazu. Die Bedenken gegen diese Gründungen lauteten jetzt aber anders: Der prozentuale Anteil von Abiturienten an den Jahrgangskohorten nahm seit den Bildungsreformen rasant zu und es gab die Befürchtung, dass für die Schulen des Zweiten Bildungsweges nicht genug "Masse" übrig bleiben könnte.
Nichts von alledem war richtig. Zwar stimmte es, dass die Anmeldezahlen an den Abendgymnasien gewissen Schwankungen unterworfen waren. Ursächlich dafür waren aber nicht die Abiturientenquoten, vielmehr war die wirtschaftliche Lage dafür verantwortlich: Wenn sich die wirtschaftliche Lage zuspitzte, stiegen die Anmeldezahlen. Auch in diesem Phänomen zeigte und zeigt sich bis heute die gesellschaftspolitische Bedeutung und Funktion der Abendgymnasien.

Die Klientel der Abendgymnasien veränderte sich immer wieder. Nach der Phase der männlichen Dominanz drängten junge Frauen in die Schule, denen von den Eltern höchstens ein Realschulabschluss zugestanden wurde, da sie "doch heiraten würden". Der Frauenanteil an der Studierendenschaft wuchs stark an, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass auch das Durchhaltevermögen der Frauen häufig das der Männer überstieg.
Es kamen die Aussiedler, die DDR-Flüchtlinge und nach 1990 auch die Zuzüge aus den neuen Bundesländern. Eine besondere Entwicklung stellten die Vormittagsklassen dar. Immer mehr junge Frauen mit Kindern im Kindergarten- und Schulalter zeigten Interesse am Abendgymnasium, konnten am Abendunterricht aber eher nicht regelmäßig teilnehmen. Für diese Klientel wurden Klassen am Vormittag eingerichtet, die auch für Berufstätige mit abweichenden Arbeitszeiten geöffnet wurden.
Auch die Veränderung der Arbeitszeiten hatte direkte Auswirkungen auf die Abendgymnasien, und die Schulen hatten Wege zu finden, diesen Interessenten den Zugang zur Schule zu eröffnen. Ähnlich verhielt es sich mit der Einrichtung von Außenstellen, um den Berufstätigen "in der Region" ein Angebot zum Schulbesuch zu ermöglichen, ohne dass man mehr als 20 oder 30 Kilometer fahren musste.
Gleichzeitig stieg die Zahl der Studierenden mit Migrationshintergrund kontinuierlich an. Heute gehören rund 60 % der Studierenden des Abendgymnasiums Bielefeld dieser Herkunftsgruppe an. Das bedeutet eine weitere Herausforderung für die Schule.

Abendgymnasien sind nicht einfach nur Schulen mit erwachsenen Schülern. Es handelt sich um Einrichtungen der Gesellschaft, die es ermöglichen, dass Individuen und soziale Gruppen die Chance erhalten, bei sich dauernd verändernden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen weiterhin integrale Bestandteile der Gesellschaft zu sein oder zu werden.

Das Abendgymnasium Bielefeld hat diese Aufgabe seit 40 Jahren erfolgreich erfüllt – und ich bin mir sicher, dass die Schule den Herausforderungen der Zukunft gewachsen sein wird.
 

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